Es war der Super-GAU eines jeden Autors.
Die Veröffentlichung des neuen Buchs rückte immer näher, aber die Überarbeitungen wurden einfach immer mehr.
Bis ein kompletter Freeze eintrat.
„Sandra, tut mir echt leid, aber ich glaub, wir müssen eine Pause einlegen. Ich hab gerade wirklich null Komma null Lust, nur eine einzige Seite nochmal zu lesen.“
Woran kann es liegen, wenn ein Autor keine Lust mehr verspürt, nach den Lektorats- und Korrekturdurchgängen seinen Roman ein letztes Mal zu lesen?
Was kann dennoch als Motivation dienen?
Oder ist vielleicht etwas anderes zur Kompensation geeignet?
Das war (leider) einer dieser Momente, in denen die romantische Idee von „Ich liebe mein Buch und will jede Zeile davon immer wieder lesen“ frontal mit der Neurobiologie kollidiert ist.
Und mit der Realität.
Nach mehreren Lektorats- und Korrekturschleifen, die nun mal jedes gute Buch hat, passiert etwas sehr Unpoetisches im Gehirn: Habituation.
Bedeutet: Reize, die zu oft wiederholt werden, verlieren ihre Wirkung.
Nerven mitunter sogar.
Oder werden im schlimmsten Fall als schlechter Stil empfunden.
Konkret: Dein eigener Text ist für dich kein Abenteuer mehr.
Denn du hast ihn so oft gesehen und gelesen, dass dein Gehirn ihn energetisch als „bekannt = ungefährlich“ einstuft.
Was im Endeffekt einem „nicht relevant“ gleichkommt.
Und jetzt kommt der perfide Teil:
Das war noch nicht alles dieses literarischen „Anti-Zaubers“ …
Beim ersten Schreiben war da Dopamin. En masse.
Beim Überarbeiten war da Cortisol. Genug.
Das Schreiben hat dabei jedes Mal in dein Belohnungssystem eingezahlt.
Weil: „Ich erschaffe etwas!“
Beim Überarbeiten war es die Fehlersuche.
Damit hast du dein Buch neurologisch mit zu lösenden Problemen und Herausforderungen verknüpft.
Mit To-dos.
Mit den roten Kommentaren deines Lektors.
Für dein Gehirn war dein Buch dadurch irgendwann kein Kunstwerk mehr.
Sondern so ein bisschen wie eine Excel-Tabelle mit Gefühlen.
Dazu kommt ein zweiter Effekt: kognitive Sättigung.
Ab einem gewissen Punkt weißt du nicht mehr, ob ein Satz gut ist oder ob du ihn nur oft genug gesehen hast, dass er sich gut anfühlt.
Oder andersherum.
(Eine Autorin, die ich letztens betreut habe, hatte bspw. beim gefühlt 27sten Lesen den Eindruck, dass ihre ersten Kapitel immer schlechter werden.)
In jedem Fall driftet dein internes Qualitätsmessgerät.
Mit der Folge, dass weiteres Lesen nicht mehr die Qualität erhöht, sondern nur potenzielle Unsicherheiten.
An diesem Punkt kann man (leider) auch Verschlimmbesserungen am Text beobachten.
Es ist jedoch auch der Moment, an dem viele Autoren denken:
„Oje, ich muss es definitiv später noch einmal komplett lesen.“
Was sie aber eigentlich meinen, ist:
„Ich traue meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr.“
Die Wahrheit (und auch mein Tipp) ist:
Es kann absolut rational sein, das (eigentlich bereits fertige) Manuskript nicht mehr zu lesen. (Oder zumindest eine ordentliche Zeit vergehen zu lassen.)
Denn jedes weitere Komplettlesen nach einem professionellen Lektorat und der darauffolgenden Überarbeitung hat ab einem gewissen Punkt eine negative Grenzrendite.
Du riskierst dabei
- Mikroverschlimmbesserungen (Ja, das Wort gibt’s, und die Sache an sich ist auch ziemlich real.)
- stilistische Inkonsistenzen (weil du jetzt müde bist)
- das Herauspolieren (aka Streichen!) von Eigenheiten, die den Text überhaupt erst lebendig machen
- Entscheidungserschöpfung („decision fatigue“)
Viele gute Bücher wurden übrigens nicht besser, weil der Autor sie ein drölftes Mal gelesen hat, sondern weil er irgendwann aufgehört hat, sie anzufassen.
Und vor allem, weil er nie aufgehört hat, sich selbst zu vertrauen.
Motivation hilft hier oft nicht, weil das Problem kein Motivationsproblem, sondern ein Funktionsproblem ist:
Du versuchst, mit demselben Gehirn, das den Text geschrieben und dann auch noch seziert und wieder zusammengesetzt hat, wieder als „Erstleser“ zu agieren.
Was stattdessen wirklich funktioniert, sobald man in so einem Loch steckt, ist: Kompensation durch Perspektivwechsel.
Wenn du also deinen Text noch nicht weglegen und eigentlich noch einmal lesen willst, es aber lusttechnisch gerade überhaupt nicht fühlst, sind vielleicht diese Optionen etwas für dich:
- den Text laut vorlesen (anderer Verarbeitungskanal)
- dir den Text vorlesen lassen (z. B. mit Text-to-Speech oder von einem Freund)
- den Text in ein anderes Layout packen (z. B. E-Reader, ein anderer Fließtextfont, ein anderer Zeilenabstand)
- äußere Umstände ändern
Oder – und das ist kein Sakrileg! – die letzte Lesung delegieren.
Nämlich nicht, weil du faul bist, sondern weil du erkannt hast, dass du zu nah dran bist.
All das kann – erfahrungsgemäß – tatsächlich Wunder wirken!
Eine besonders selbstkritische Autorin zum Beispiel, die sonst immer in Cafés schreibt und arbeitet, hat ihren Arbeitsplatz dafür kurzfristig in die eigenen vier Wände verlegt und es sich dort gemütlich gemacht. Was sie letztendlich ihr Manuskript wieder mit Freude lesen hat lassen.
Es gibt in der Softwareentwicklung den Begriff des Code-Freeze.
(Jupp, bin immer noch ein „Code is poetry“-Nerd.)
Ab einem bestimmten Punkt, eben dem Code-Freeze, wird am Projekt nichts mehr geändert – nicht weil alles perfekt ist, sondern weil jede Änderung statistisch mehr kaputtmachen als verbessern würde.
Romane brauchen genau das manchmal auch, und zwar die ästhetische Version davon.
Die eigentliche Disziplin ist dann nicht, weiterzuarbeiten – sondern aufzuhören.
Tja, und das fühlt sich für ein kreatives Gehirn nach Kontrollverlust an, obwohl es in Wahrheit Qualitätsmanagement ist.
Und wenn sich dann beim Lesen extreme Zweifel einstellen?
Die sogar die Qualität des Romans infrage stellen?
Dafür gibt es doch bestimmt eine tiefenpsychologische Erklärung, die Autoren mit diesen Gedanken helfen können, oder?
Diese Fragen hab ich mir gestellt, als das tatsächlich bei einer von mir betreuten Autorin aufkam. (Sogar so selbstkritisch, dass ich Angst um ihren Veröffentlichungswillen hatte.)
Viele Autoren interpretieren so ein plötzliches Urteil jedoch völlig falsch.
Sie denken: „Wenn ich mein Buch jetzt schlecht finde, muss es auch objektiv gesehen schlecht sein.“
Was natürlich so spontan gar nicht der Fall sein kann.
Was hier passiert, ist häufig eine Mischung aus psychologischer Ermüdung, Verzerrung der Wahrnehmung und Identitätsstress.
Lass mich ein paar der Gründe dafür aufzählen:
(damit auch du dir sicher sein kannst, dass dein Manuskript nicht ganz plötzlich schlecht geworden ist – oder du auf keinen Fall irrationale Zweifel bekommst wie „die vermeintliche Wahrheit nie gesehen zu haben“)
Der „Verlust der Illusion“
Beim Schreiben existiert ein Roman zuerst als innere Vision.
Im Kopf ist alles größer, emotionaler, filmischer.
Der eigentliche Text kann diese Vision nie vollständig transportieren.
Anfangs gleicht das Gehirn die dahingehenden Lücken noch automatisch aus und du fühlst beim Lesen die ursprüngliche Energie des Schreibmoments mit.
Nach dem zwanzigsten Durchgang verschwindet dieser fast magische Moment jedoch.
Dann siehst du plötzlich nur noch:
- Wörter
- Satzrhythmen
- Übergänge
- Konstruktionen
- Wiederholungen
Der Zauber bricht technisch auseinander.
Das bedeutet jedoch nicht, dass der Text plötzlich schlecht ist.
Du liest ihn jetzt nur nicht mehr als Schöpfer im Rausch, sondern wie ein Mechaniker mit geöffneter Motorhaube.
(Ein Konzert klingt ja auch anders, wenn du nicht in der Menge einfach nur zuhörst, sondern direkt neben dem Mischpult stehst und minimale Tonfehler analysierst, oder?)
Selektive Fehlerwahrnehmung
Unser Gehirn funktioniert problemorientiert.
Sobald du also in den „Überarbeitungsmodus“ wechselst, sucht dein Gehirn aktiv nach Schwächen. Das ist buchstäblich seine Aufgabe.
Dadurch entsteht eine Art Wahrnehmungsfilter – durch den du irgendwann fast nur noch das siehst, was nicht perfekt ist.
Besonders erschreckend dabei ist, dass die Stärken des Textes sogar psychologisch „normalisiert“ werden.
Was bedeutet, dass sie keine Reaktion mehr auslösen.
Die Schwächen hingegen springen sofort an.
Die emotionale Bilanz kippt negativ, obwohl sich die objektive Qualität oft sogar verbessert hat.
Kreative Entfremdung
Viele Autoren erleben irgendwann einen Moment von: „Wer hat das eigentlich geschrieben?“
Das klingt dramatisch, ist aber normal.
Denn zwischen Erstfassung und finaler Version liegen oft Monate oder gar Jahre.
In dieser Zeit kann sich in deinem Leben viel verändern.
Dein Geschmack, dein Stilgefühl, dein Anspruch, deine Persönlichkeit, dein Können.
Dein früheres Ich schrieb den Roman.
Dein heutiges Ich bewertet ihn.
Und dein heutiges Ich ist meist deutlich kritischer und kompetenter.
Was jedoch zu einer fast bitteren Ironie führt:
Denn gerade weil du besser geworden bist, erscheint dir dein älterer Text plötzlich schwächer.
Das ist jedoch kein Zeichen von Scheitern, sondern von persönlicher Weiterentwicklung.
Übersättigung & Bedeutungsverlust
Emotionen brauchen Kontrast.
Wenn du dieselbe Szene 27-mal liest, reagiert dein Nervensystem jedoch irgendwann kaum noch darauf.
Nicht weil die Szene objektiv gesehen emotionslos ist, sondern weil dein Gehirn sie vorhersagen kann.
Überraschung ist ein zentraler Bestandteil emotionaler Wirkung.
Du kannst dich von deinem eigenen Plot irgendwann aber nicht mehr überraschen lassen.
Deshalb sagen Autoren oft: „Die Szene fühle ich nicht mehr.“
Was jedoch nicht für Erstleser zutrifft.
Kontrollverlust vor der Veröffentlichung
Solange du dein Manuskript noch überarbeitest, an ihm feilst etc., hast du die Kontrolle.
Das Buch ist noch „deins“.
Nichts ist schon endgültig.
Der Moment kurz vor der Veröffentlichung (oder zumindest vor der Abgabe in den Buchsatz) erzeugt bei vielen unbewusst Angst.
Angst davor …
- bewertet zu werden
- missverstanden zu werden
- nicht gut genug zu sein
- sichtbar zu werden
- sich zu blamieren
Das Gehirn versucht dann, Kontrolle zurückzugewinnen. Irrationalerweise durch die Abwertung des eigenen Werks.
Weiß auch nicht, warum das Hirn manchmal so gepolt ist.
Aber der Ur-Instinkt von Schutz ist einfach ziemlich tief vergraben.
Der Gedanke „Vielleicht ist es doch schlecht. Ich sollte noch mal ran“, fühlt sich rational an.
Psychologisch gesehen ist das aber nur Angstmanagement.
Das wahrscheinlich Schlimmste dabei:
Perfektionismus ist nicht selten ein sozial akzeptierter Ausdruck von Angst.
Weswegen immer noch viel zu viele ihr Manuskript letztendlich in der Schublade verstauben lassen.
Denn es könnte ja schlecht sein.
Eine ausweglose Situation?
Gott sei Dank nicht.
Denn auch hier ist die Lösung wieder einmal ein Perspektivwechsel.
Ein Autor ist nämlich nie die beste Instanz, um die finale Wirkung seines eigenen Buches zu beurteilen.
Weil er sein Buch nicht wie ein Erstleser lesen kann.
Er erinnert sich an jeden Schreibprozess, an jede verworfene Szene, jede Unsicherheit.
Der Leser sieht davon nichts.
Er liest nur die fertige, für ihn ursprüngliche Illusion.
Deshalb ist einer der größten Fehler vieler Autoren, die eigene Übersättigung mit einer objektiven Beurteilung der Qualität zu verwechseln.
Das sind jedoch zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Und genau dafür gibt es Schreibcoaches, Buchbetreuer und Lektoren wie mich.

