Wie viele Fehler darf ein Buch haben?

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Sandra Huber

Bei dieser Frage scheiden sich die Geister – obwohl sie eigentlich ziemlich eindeutig beantwortet werden kann:

„Mehr, als die meisten denken.“

Nein, das ist keine Einladung zum Schludern, haha.
Aber absolute Fehlerfreiheit gibt es selbst nach einem professionellen Lektorat und Korrektorat nicht.
Es ist schlichtweg nicht möglich.

Nein, auch nicht von KI.
Da sogar noch weniger.

Ein Roman mit bspw. rund 80.000 Wörtern kann durchaus noch eine Handvoll Fehler enthalten und trotzdem eine hervorragende Qualitätsarbeit sein. (Konkrete Zahlen dazu weiter unten.)

Die eigentliche Frage lautet also nicht:
„Darf mein Buch noch Fehler haben?“,
sondern:
„Ab wann wird die Fehlerquote unprofessionell und unleserlich?“

Was bedeutet das konkret?

Nehmen wir einen Roman mit rund 80.000 Wörtern.
Das liegt so im oberen Mittelfeld für bspw. Entwicklungsromane.

Selbst wenn am Ende noch 10 bis 15 Fehler vorhanden sind, handelt es sich immer noch um eine hervorragende Sprachleistung.

Sogar mit 30 verbliebenen Fehlern kann man bei diesem Umfang von einem sehr guten Ergebnis sprechen.

Wer gerade die Augenbrauen gehoben hat:
Dude, das sind 0,0375 %.

Natürlich möchte niemand freiwillig Fehler in seinem Buch haben.

Aber Fehler sind kein Zeichen dafür, dass der Korrektor versagt hat oder das Buch unprofessionell ist.

Entscheidend ist vielmehr, welche Art von Fehlern übrig geblieben sind.
Ein vergessenes Komma ist bspw. etwas völlig anderes als ein Kapitel voller Grammatikfehler, die das Buch schon fast unleserlich machen.

Was das für dich bedeutet:

Fehlerfreiheit kann keiner bieten, noch sollte es keiner garantieren.
Falls also jemand mit Fehlerfreiheit wirbt, würde ich vorsichtig sein.

Fehler werden vom Korrektor in einer prozentualen Relation zum Originaltext verbessert.

Heißt: Je mehr Fehler vom Autor gemacht wurden, desto mehr Fehler können noch im finalen Manuskript verbleiben, selbst wenn der Korrektor hervorragende Arbeit leistet.

Tipps, wenn du dein Manuskript professionell veröffentlichen möchtest:

  • Plane immer ein Lektorat und ein abschließendes Korrektorat ein.
  • Erwarte hohe Qualität, aber keine mathematische Perfektion.
  • Gib dem Lektor und Korrektor kein Manuskript, das du nicht selbst Korrektur gelesen hast. Lass dafür auch gern Tools wie interne Rechtschreibkorrekturen oder LanguageTool mitlaufen. –> Du senkst damit die Fehlerquote und ermöglichst dem Korrektor, noch genauer hinzuschauen.
  • ABER: Lies dein Manuskript nach dem Korrektorat nicht aus Angst gleich fünfmal komplett durch. Oft steigt dadurch nur deine Unsicherheit als die Qualität. Und Verschlimmbesserungen klopfen auch potenziell an. Lies in diesem Artikel mehr über dieses psychologische Phänomen, dem du vielleicht auch unterliegst.

Aber was ist mit den gefürchteten negativen Rezensionen?

Ein einziger entdeckter Fehler fühlt sich für viele Autoren an wie ein öffentliches Qualitätsurteil über das gesamte Buch – und wie eine soziale Hinrichtung.

Wenn sie für die Überarbeitung ihres Buchs nicht nur Tante Frieda und den Nachbarn zu Rate gezogen, sondern dafür einen professionellen Dienstleister (wie einen Korrektor) bezahlt haben, wollen sie natürlich das beste Ergebnis haben.

Das bestmögliche Ergebnis ist aber nie absolut.
Es ist immer relativ.

Relativ zur Qualität des Ausgangsmanuskripts.
Relativ zum vereinbarten Leistungsumfang.
Relativ zur verfügbaren Zeit.
Und relativ dazu, wie viele Menschen den Text geprüft haben.

Die wenigsten Selfpublisher haben jedoch Angst vor den paar verbliebenen Fehlern.

Sie haben Angst davor, dass genau diese Fehler öffentlich gemacht werden.
Und sie (mit diesen Fehlern) dann durch die Sch*ße gezogen werden.

(So geht es übrigens mir als Lektorin, Korrektorin und Buchsetzerin auch.)

Dass jemand in einer Amazon-Rezension schreibt:
„Schon auf den ersten Seiten mehrere Rechtschreibfehler.“
Oder sogar einzelne Stellen fotografiert und online stellt.
Und im schlimmsten Fall die Fehler komplett überdramatisiert und darüber den Rant seines Lebens abliefert.

(Ist noch eine andere Geschichte, dass mir das tatsächlich mal passiert ist. War mein allererstes Buchprojekt. Und fast mein letztes, deswegen.)

Das tut weh.
Vor allem, wenn man viel Zeit, Herzblut und Geld in ein professionelles Lektorat und Korrektorat investiert hat.

Genau deshalb jagen viele Autoren einer absoluten Fehlerfreiheit hinterher.
Oder denken sogar, sie hätten einen Anspruch darauf.

Damit die Angriffsfläche für sie selbst so klein wie möglich ist.

Die unbequeme Wahrheit ist jedoch: (muss einfach noch mal gesagt werden)

Absolute Fehlerfreiheit gibt es in der Praxis nicht.

Nicht im Selfpublishing.
Nicht im Verlag.
Nicht einmal in den Büchern, die seit Jahren auf den Bestsellerlisten stehen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:
„Gibt es im Buch noch Fehler?“

Sondern:
„Ist mein Buch insgesamt professionell genug, dass vereinzelte Fehler nichts an der Leseerfahrung ändern?“

Vor allem:
„Stehe ich bedingungslos und mit vollem Herzen zu meinem Buchbaby?“

Denn genau das ist der Qualitätsmaßstab, an dem sich professionelle Korrektorate orientieren.

Und genau deshalb werden vereinzelte Restfehler für die allermeisten Leser nie wichtiger sein als eine gute Geschichte, glaubwürdige Figuren und ein stimmiges Leseerlebnis.

PS: Bedingungslos zu seinem Werk zu stehen, ist ebenso das Wichtigste, um die Angriffsfläche für Kritiker, Trolle und Hater zu verkleinern. Just saying.

Sandras Buchfee-Tipp:

Viele Autoren träumen von der absoluten Fehlerfreiheit ihres Manuskripts.
Dabei übersehen sie etwas viel Wichtigeres:

Leser erinnern sich an starke Figuren, spannende Geschichten und berührende Momente.

Nicht daran, dass auf Seite 217 ein Komma gefehlt hat.
Kapitel 8 mit einer versehentlichen Wortdoppelung beginnt.
Oder im Nachwort ein Buchstabendreher war.

Natürlich solltest du dein Buch so professionell wie möglich veröffentlichen.
Und keinen der notwendigen Schritte wie Lektorat, Korrektorat etc. weglassen.

Aber lass Perfektion nicht zum Grund werden, weshalb dein Manuskript niemals das Licht der Welt erblickt.

Denn ein veröffentlichtes Buch mit einer Handvoll verbliebener Fehler erreicht immer noch mehr Menschen als ein vermeintlich bald perfektes Manuskript, das seit drei Jahren in der Schublade liegt.

In diesem Sinne: Lass uns dein Manuskript publikationsreif machen!

+++

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